PlayUp - Eintracht Welt
Der Hit zur Weltmeisterschaft - so unvermeidlich wie der Kater nach dem Besäufnis, der Schnaps davor und das Gegröhle danach. Der Soundtrack zum Fernsehen bei Salzgebäck und Flaschenbier, zu Wimpel und Laolawelle. In musikalischer Hinsicht ein Kapitel zum Sichübergeben. Uffta-Uffta-Rhythmik und exotische Klischees zu Texten, die einen Sieger feiern, den es noch nicht gibt. Liebe zum Fußball Freude am Spiel? Kein Gedanke.
Hierzulande war es seit 1974 oft Üblich einen Interpreten mit der Nationalmannschaft als Backgroundchor zusammenzubringen. Bertie Vogts meets Udo Jürgens. Ergebnis: ,,Fußball ist unser Leben”, hohl wie der Ball selbst, aber erfolgreich. Petar ,,Radi1′ Radenkovic, begnadet als Torwart und Fußballclown, ließ anno ‘65 mit der Single ,,Bin i Radi, bin i König“ in den BRD-Schlagerparaden sogar die Beatles hinter sich.
Die Briten haben da weniger auszustehen. ,,Three Lions” von Baddiel, Skinner & The Lightning Seeds (1998) ist ein solider Popsong, New Orders ,,World in Motion” (1990) gar ein Bandklassiker. Wer aber kann sich noch an ,,La Copa de la Vida” (Ricky Martin, 1998) oder ,,Un’estate italiana” (Gianna Nannini und Edoardo Bennato, 1990) erinnern?!
Die Hamburger Designagentur JUNO konnte, und zwar mit Schrecken. 2001, als man dort an einem Projekt über Fußball als kulturelles Phänomen arbeitete, stieß man unvermeidlich auch auf die Rolle der Musik. Bob Marley selig brachte es seinerzeit wunderbar auf den Punkt: ,,Football is music.” Als zunächst bei deutschen Musikern Begeisterung über die Idee festzustellen war, einen Fußballsong zu produzieren, ging die Idee ab 2005 um die Welt. Um Künstler aus möglichst vielen der 32 WM-Länder zu beteiligen, griff die Agentur zusammen mit dem kleinen und sehr feinen Hamburger Plattenlabel KONTEXTRECORDS auf die verlässlichste Art der Propaganda zurück: Mund-zu-Mund. Arto Lindsay, musikalisch unterwegs zwischen Noise und Samba, erhielt als Erster einen Anruf: ,,Ich war selbst nie der große Fußballer” erläutert der New Yorker, der seine Jugend in Rio verbrachte, ,,aber ich habe mal ein Interview mit Pelé geführt - das nie veröffentlicht wurde, weil es zu hymnisch ausfiel. Ich verglich ihn mit dem legendären Ballett-Tänzer Vaclav Nischinsky und behauptete, wegen Pelé hätte die New Yorker ihre Art zu gehen geändert. “
Lindsay gab die Botschaft weiter und die Idee eines Fußball-Albums mit Seele und Niveau nahm Gestalt an: ,,PlayUpl’, 16 Stücke über Liebe, Kampf, Leidenschaft, Ruhm, Verlust. Ein Freundschaftsspiel, an dem Italien, Portugal, Frankreich, die USA, Angola, Spanien, Türkei, Elfenbeinküste, Pakistan und andere teilnahmen - und alle haben sie gewonnen.
Die Verbindung zwischen den Spielarten schien jedem offensichtlich. “Für mich ist Fußbal eine Sprache, die jeder versteht, wie Musik”, erzählt Soul-Singer-Songschreiberin Ayo, Deutsch-Nigerianerin mit erstem Wohnsitz in Paris. ,,Wenn die Spieler auch noch so aussähen würden wie Basketballer, würde ich 24 Stunden am Tag Fußball gucken.” Ragga-Soulman Patrice gibt sich angriffslustig: ,,Ich habe versucht, mir vorzustellen,was ich gern hören würde, wenn ich auf dem Platz stünde, etwas, das die Energie steigert wie ein afrikanischer Kriegsgesang.” Die Musik des senegalesischen Crossover-Trios Daara J, das im letzten Jahr schon mit Mos Def in Hollywood auftrat, nennt sich Assiko - “nach einer speziellen Trommel, die bei uns gespielt wird, wenn alle im Fußballstadion singen, wie ein großer Chor.”
Fußball als Teil der Popkultur ist für Ausnahme-Elektroniker Bernd ,,Burnt“ Friedmann zumindest zweifelhaft: ,,Das Wort Pop würde ich im Zusammenhang damit nicht benutzen, weil es dazu aus jedem beliebigen Bereich eine Verbindung gibt – Politik, Terrorismus, Motorsport etc.” Sein japanischer Kollege Jun Miyake, Komponist, Pop-Weltmusiker und Multiinstrumentalist, ist anderer Meinung: ,,Ich denke, dass Fußballspieler ein Gefühl für die Popkultur haben und dass sich ihre Attitüde in Mode und Popmusik widerspiegelt.”
Über die Rolle der Nationalhymne im Fußball wiederum ist man sich einig: ,,Eine seltene Gelegenheit, diese Lieder auf internationaler Basis zu hören ohne dass es Sieger gibt”, meint Miyake, während Friedmann vorschlägt die Spieler ohne Playback- Musik singen zu lassen: ,,Das wäre so unerträglich. dass man später darauf verzichten würde. Besser wäre eigentlich, die Hymne nach dem Spiel zu singen nur von der unterlegenen Mannschaft, das hätte etwas Ehrenhaftes.”
Interkontinentale Eintracht also. Oder, um es mit Frank Schöbels offiziellem WM-Song der DDR von 1974 zu sagen: ,,Ja, der Ball ist rund wie die Welt.”
Rolf Jäger, LOOP
Posted: June 5, 2006 by PlayUp
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